Diese Programmlinie befasst sich mit der Geschichte vor allem der modernen Biographik, wie sie – mit Vorläufern in der Renaissance – um die Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert in England aufkommt. Bedeutende paradigmenbildende Biographien werden hinsichtlich ihres historischen Status und ihrer Methodik systematisch untersucht. Dabei finden vor allem hermeneutische, ideologiekritische und narratologische Interpretationsverfahren Anwendung.
Als Genre zwischen Wissenschaft, Kunst und Unterhaltung entzieht sich die Biographie eindeutiger Zuordnung zu akademischen Disziplinen. Sie ist, mit einem Diktum Virginia Woolfs, „a bastard, an impure art“. Die Biographie steht an einer Schnittstelle zwischen Literatur-, Geschichts- und Kulturwissenschaften sowie literarischen Lebenserzählungen; und auch in der soziologischen und ethnographischen Biographieforschung geht es um die zentrale Frage, wie sich das Ganze individueller Lebensläufe und Erfahrungsmuster zu biographischen Repräsentationen verdichtet.
„Es sind einige herangetreten, meine Biographie schreiben zu dürfen. Ein sehr sonderbares Ansinnen. Die Anekdoten – die Aufenthaltsorte – die Begegnungen – die Einflüsse. Unfähigkeit, das rein geistige Abenteuer zu erfassen“, notiert Hugo von Hofmannsthal im November 1926 und gibt zu bedenken: „Wer eine Biographie macht, stellt sich gleich.“
Die Pädagogin, Journalistin, Wohltäterin und Freundin der Kunst Eugenie (‘Genia’) Schwarzwald (1872-1940) war eine Schlüsselfigur der Wiener Kultur im krisenhaften Zeitraum zwischen 1900 und 1938. Sie verkörperte auf außergewöhnliche Art und Weise die Widersprüche ihres Zeitalters und entzieht sich jedem Versuch eindeutiger Kategorisierung.
„Ich erfinde ja nichts, ich glaube, ich habe in meinen Büchern noch nie etwas erfunden, verändert – ja, erfunden – nein.“ Mit dieser Aussage weist der österreichische Autor Thomas Bernhard auf ein Phänomen hin, das in der Forschung zu seinem Leben und Werk stets besonders beachtet und diskutiert worden ist: Es gibt kaum einen anderen Autor aus der österreichischen Literatur der letzten Jahrzehnte, bei dem die Verbindung zwischen lebensgeschichtlichen und literarischen Elementen derart evident ist, wobei gleichzeitig das Moment der künstlerischen Stilisierung komplizierte Transformationsprozesse zwischen den beiden Bereichen erkennen lässt.
Ernst Jandl (1925-2000) ist einer der originellsten Lyriker der deutschsprachigen Literatur nach 1945. Seine Gedichte sind in zahlreichen Schulbüchern, Anthologien, Deutsch als Fremdsprache-Lehrbüchern, Kalendern, Almanachen, ja sogar in Predigtanleitungen für Priester verbreitet. Bereits im Juni 1965 erregte der zu diesem Zeitpunkt kaum bekannte Dichter bei einer Gruppenlesung in der Londoner Royal Albert Hall vor 7000 Zuhörern großes Aufsehen. Bei der als Wholly Communion angekündigten Beat-Veranstaltung mit Stars der internationalen Poesie wie Allen Ginsberg geriet der Auftritt Ernst Jandls zum Ereignis. Jandls „wordless poetry brings down the house in a pandemonious riot“, lautete ein zeitgenössischer Kommentar.
Leopold von Andrian wird in der germanistischen Forschung nach wie vor primär als Literat, vor allem als Autor der einflussreichen Jahrhundertwende-Erzählung Der Garten der Erkenntnis wahrgenommen, als Mitglied des Kreises um Stefan George und Freund Hugo von Hofmannsthals, Arthur Schnitzlers, Hermann Bahrs und Harry Graf Kesslers. Sein Nachlassverwalter, der amerikanische Germanist Walter Perl, edierte den Briefwechsel mit Hugo von Hofmannsthal und die in den Blättern für die Kunst erschienenen Gedichte (1968); Horst Schumacher (1967) und Gabriella Rovagnati (1985) verfassten Monographien über den Autor, die allerdings jeweils nur einen kleinen Ausschnitt seiner Biographie behandeln.