Biographie Ernst Jandl

Ernst Jandl (1925-2000) ist einer der originellsten Lyriker der deutschsprachigen Literatur nach 1945. Seine Gedichte sind in zahlreichen Schulbüchern, Anthologien, Deutsch als Fremdsprache-Lehrbüchern, Kalendern, Almanachen, ja sogar in Predigtanleitungen für Priester verbreitet. Bereits im Juni 1965 erregte der zu diesem Zeitpunkt kaum bekannte Dichter bei einer Gruppenlesung in der Londoner Royal Albert Hall vor 7000 Zuhörern großes Aufsehen. Bei der als Wholly Communion angekündigten Beat-Veranstaltung mit Stars der internationalen Poesie wie Allen Ginsberg geriet der Auftritt Ernst Jandls zum Ereignis. Jandls „wordless poetry brings down the house in a pandemonious riot“, lautete ein zeitgenössischer Kommentar. Wie wenige andere erweiterte Ernst Jandl das Verständnisterrain für Formen nicht herkömmlicher Lyrik. Sein Werk – neben den Gedichten Hörspiele, Theatertexte und Essays – gehört nicht nur zum literarischen Kanon, sondern dessen Sprachvielfalt hat auch Eingang in die Alltagskultur gefunden.

Als Ernst Jandl in den 1940er Jahren zu schreiben begann, bedeutete dies den Beginn einer künstlerischen Auseinandersetzung mit seinem katholischen Elternhaus, dem Nationalsozialismus und der restaurativen kulturellen Atmosphäre in Österreich während der Nachkriegszeit. Er orientierte sich an verschütteten Traditionen avantgardistischer Literatur, an Gertrude Stein und Kurt Schwitters, aber auch an der Lyrik Bertolt Brechts. Zwischen dem Erscheinen des ersten Gedichtbandes Andere Augen (1956), der noch Gedichte in realistischem Ton enthält, und der berühmten zweiten Buchveröffentlichung Laut und Luise (1966), die die damals weithin unbekannten Spielarten experimenteller Poesie vorführte – visuelle Gedichte, Sprechgedichte, Lautgedichte, Dialektgedichte –, vollzog sich Jandls Kampf um Anerkennung als Autor und eine ständige Erweiterung der sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten. Mit jedem seiner folgenden Gedichtbände gewann Ernst Jandl lyrisches Neuland – von den Gedichten in „heruntergekommener“ Sprache bis zu seiner Alterslyrik, die Krankheit, körperlichen Verfall und „hohe“ Themen zu Gedichten verarbeitet, die in ihrer Radikalität ihresgleichen suchen.

Im persönlichen Habitus entsprach Jandl kaum dem Bild des Künstlers als Bohemien. Nach der Reifeprüfung wurde er im August 1943 zum Militärdienst eingezogen und lief 1945 an der Westfront zu den Amerikanern über. Zurückgekehrt nach Wien studierte er Germanistik und Anglistik und war mit Unterbrechungen bis 1979 als Gymnasiallehrer in Wien tätig; daneben war er Gründungsmitglied und langjähriger Generalsekretär der Grazer Autorenversammlung. Die Position Ernst Jandls im literarischen Feld wurde einerseits durch seine Beziehungen zu den Avantgardekünstlern der „Wiener Gruppe“ (Konrad Bayer, Gerhard Rühm, Oswald Wiener, H.C. Artmann, Friedrich Achleitner) und zur internationalen Avantgarde bestimmt, wobei Jandl stets völlig autonome Wege ging; andererseits war die jahrzehntelange Ausübung eines bürgerlichen Berufs als Lehrer an einem Gymnasium prägend. Die lebenslange Partnerschaft mit der Dichterin Friederike Mayröcker ist das Modell eines „Schreiblebens“, in dessen Vollzug Werk und Leben eine unauflösliche Einheit bilden. Im Stück Aus der Fremde wird dieser Zusammenhang thematisiert und zugleich ästhetisch verfremdet.

Das Nebeneinander von Ordnung und Anarchie ist konstituierend für Werk und Person Ernst Jandls. Er schien gespalten in den Dichter auf der einen und in den Lehrer und „Buchhalter“ auf der anderen Seite. Die Biographie wird die Dialektik von Avantgarde und Konvention, von strenger formaler Ordnung und Aufbrechen der Form auf verschiedenen Ebenen nachzeichnen. So kommt der enge Zusammenhang von Leben, Werk und kulturellem Feld ins Blickfeld: Die Kategorie des „religiösen“ Gedichtes etwa, das sich in großer Variationsbreite durch das gesamte Werk zieht, ist im Kontext der katholischen Sozialisation Ernst Jandls, in Bezug auf die Entwicklung der literarischen Formensprache innerhalb des Werkes sowie im Hinblick auf das Verhältnis von Stimme und Schrift zu untersuchen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf dem „englischen“ Jandl: Ernst Jandl arbeitete in der amerikanischen Kriegsgefangenschaft als Dolmetscher; als Student und Englischlehrer, als Übersetzer von Gertrude Stein, John Cage und Robert Creeley und durch seine Zusammenarbeit mit Künstlern wie Ian Hamilton Finlay war er in vielfältiger Weise mit dem englischsprachigen Kulturraum verbunden. Hierher gehört auch die lebenslange Begeisterung für die englische und amerikanische Populärkultur; und nicht zuletzt ist eine Reihe von Gedichten auf Englisch geschrieben.

Die Biographie stellt Ernst Jandl in das Spannungsfeld seiner verschiedenen Funktionen als Schriftsteller, Lehrer, Übersetzer und Literaturpolitiker. Sie kann sich dabei auf die reichhaltigen Materialien im Ernst Jandl-Nachlass an der Österreichischen Nationalbibliothek stützen. Jandls Wirkungsgeschichte, die eng an seine physische Präsenz als Vortragskünstler gebunden ist, ist im Kontext einer widersprüchlichen Geschichte der Befreiung von familiären, gesellschaftlichen und künstlerischen Begrenzungen zu sehen.

 

Kontaktperson: Bernhard Fetz

Weitere MitarbeiterInnen:

Hannes Schweiger