Biographie Eugenie Schwarzwald

 
Die Pädagogin, Journalistin, Wohltäterin und Freundin der Kunst Eugenie (‘Genia’) Schwarzwald (1872-1940) war eine Schlüsselfigur der Wiener Kultur im krisenhaften Zeitraum zwischen 1900 und 1938. Sie verkörperte auf außergewöhnliche Art und Weise die Widersprüche ihres Zeitalters und entzieht sich jedem Versuch eindeutiger Kategorisierung.

In einem winzigen Dorf in Ostgalizien geboren, besuchte Schwarzwald (geb. Nußbaum) die pädagogische Akademie in Czernowitz, studierte anschließend in Zürich und gehörte der ersten Generation von Frauen an, die den Doktortitel erwarben. Sie distanzierte sich von feministischen Studentinnenvereinen, stellte das Eheleben über die Wissenschaft und kam 1900 als Gattin des Finanzbeamten Hermann Schwarzwald nach Wien. Hier gründete sie eine Mädchenschule mit Maturaklassen und die allererste koedukative Volksschule in Österreich. Ihre Lehrmethoden waren unsystematisch und setzten auf die individuelle Kreativität und die freie Entfaltung jedes Kindes. Viele ihrer Schülerinnen wurden später berühmt, wie etwa Eva Reich, Helene Weigel-Brecht und Hilde Spiel. Schwarzwald scheute den Skandal nicht, ihre Schülerinnen mussten turnen und wurden von progressiven und oft umstrittenen Wissenschaftern und Künstlern unterrichtet. Unermüdlich warb sie für Pioniere der Wiener Moderne wie Kokoschka, Loos, Musil, Schönberg und Hauer, deren Gegenwart ihre Sommerlager zu einem Treffpunkt der Avantgarde machte.


Portraitphotographie auf Glas
von Madame d'Ora, Wien

Die bedrängende Massenarmut während des ersten Weltkriegs und in den Nachkriegsjahren bewegte sie dazu, eine Reihe von Gemeinschaftsküchen und Kinderheimen in Wien und Berlin zu eröffnen, die den neuesten Entwicklungen der Ernährungswissenschaft und der Innenarchitektur gerecht werden sollten. Ihre Projekte wurden zum Teil durch ihren Journalismus finanziert, aber auch durch Kleinbetriebe wie zum Beispiel eine Gemüsefarm und ein Taxiunternehmen; Schwarzwald war zudem bekannt als äußerst wirksame und gnadenlose Spendensammlerin. Karl Kraus stellte ihre vielfältigen Aktivitäten missbilligend als Kriegsunterstützung dar. Durch ihre überlebensgroße Persönlichkeit lenkte Schwarzwald viel literarische und satirische Aufmerksamkeit auf sich, die in Portraits unter anderen von Musil, Bettauer, Friedell und Polgar festgehalten wurde. Ihr Salon in der Josefstädterstraße entwickelte sich zu einem kulturellen Zentrum, und sie pflegte trotz ihrer liberalen Ansichten und der politischen Polarisierung im Wien der Zwischenkriegszeit Beziehungen zu VertreterInnen verschiedener politischer Richtungen. Zu ihrem großen Kreis internationaler Freunde und Freundinnen gehörten die dänische Schriftstellerin Karin Michaelis und die amerikanische Journalistin Dorothy Thompson, Kontakte, die sich noch als lebenswichtig erwiesen würden. Nach dem ‚Anschluß’ wurde Schwarzwalds Besitz konfisziert, während sie sich zufällig in Dänemark auf einer Vortragsreise befand. Sie kehrte nicht nach Wien zurück, sondern nach Zürich, wo sie 1940 an Krebs starb. Finanzielle Sorgen und Zukunftspläne prägten ihr kurzes Exil. Bis zu ihrem Lebensende suchte sie nach neuen Beschäftigungen und war unglücklich über die Entscheidung der Schweizer Behörden, ihr keine Arbeitsgenehmigung zu erteilen.

Schwarzwald stellt die Biographin vor große und zugleich faszinierende Herausforderungen. Ihre Papiere und Bücher wurden 1938 weitgehend zerstört. ZeitzeugInnen erinnerten sich an die riesige Menge an Korrespondenz, die sie jeden Tag erledigte; Spuren davon müssen in den Nachlässen anderer wiederentdeckt werden. Anders als ihre ZeitgenossInnen Montessori und Steiner betrachtete sie sich nicht als Gründerin einer pädagogischen Bewegung. Eng befreundet mit vielen Schlüsselfiguren der Wiener Moderne, war sie weder Mäzenin noch Muse im konventionellen Sinne. Indem sie unermüdlich andere förderte, übte sie eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf die kreativsten und innovativsten Kreise der Wiener Gesellschaft aus. Ihre Schülerinnen, die Menschen, die sie rettete und die Werke, die sie unterstützte, vermitteln ein Bild von ihr, trotzdem bleiben ihre Person und ihre Beweggründe schwer definierbar. Die Lebensgeschichte Schwarzwalds – einer Ostjüdin, die sich selbst gelegentlich als ‚Antisemitin’ bezeichnete, und einer Anti-Feministin, die die Emanzipation förderte – ermöglicht neue Einsichten in die paradoxe und bewegte Wiener Kultur des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. 

 

Kontaktperson: Deborah Holmes