„Es sind einige herangetreten, meine Biographie schreiben zu dürfen. Ein sehr sonderbares Ansinnen. Die Anekdoten – die Aufenthaltsorte – die Begegnungen – die Einflüsse. Unfähigkeit, das rein geistige Abenteuer zu erfassen“, notiert Hugo von Hofmannsthal im November 1926 und gibt zu bedenken: „Wer eine Biographie macht, stellt sich gleich.“
Dem Vorwurf solcher Anmaßung habe sich bisher „offenkundig niemand aussetzen“ wollen, bemerkt hierzu fast achtzig Jahre später Ulrich Weinzierl, einer der besten Kenner der Wiener Moderne: Es gibt „bis heute keine Biographie im strengen Begriff“ von Hofmannsthal. Und Hans-Albrecht Koch, selbst Autor eines „Porträts“ des Dichters, stellt fest: „Es scheint, dass Hofmannsthal mit diesem Eintrag von 1926 im ‚Ad me ipsum’ ein für allemal wirksam alle Ansätze verhindert hat, seine Biographie zu schreiben“ und kommentiert: „Dieser Zustand befriedigt umso weniger, als eine außerordentlich umfangreiche und aspektreiche Forschung viele Vorarbeiten geleistet hat, die nach Zusammenschau drängen“.

© Freies Deutsches Hochstift, Frankfurt/M.
Eine solche Zusammenschau wird das Vorhaben einer wissenschaftlichen Hofmannsthal-Biographie leisten müssen. Doch weitaus mehr noch gilt das mit Blick auf die primären Quellen, die schier unerschöpflich erscheinen: Die Kritische Gesamtausgabe der Werke Hofmannsthals wird bei ihrem bevorstehenden Abschluss über 30.000 Seiten umfassen, zudem sind etwa 10.000 Briefe in Druck erschienen, und über den Umfang der ungedruckten Korrespondenz in verschiedenen Sammlungen und Nachlässen gibt es nicht einmal eine grobe Schätzung - allein an seine Eltern etwa hat der junge angehende Dichter mehrere tausend Schreiben gerichtet.
Die zahlreichen Selbstzeugnisse Hofmannsthals sind durch Diskretion bis hin zur Scheu vor Selbstentblößung gekennzeichnet, wie Hermann Broch bereits bemerkt hat. Aber auch die Freunde und Zeitgenossen scheinen sich in ihren zahlreichen Würdigungen und Zeugnissen schwer zu tun mit der komplizierten Persönlichkeit des Dichters und finden in seinem Bild - keineswegs immer übereinstimmend – mannigfaltige Züge, die bei einer Zusammenschau sorgfältig zu reflektieren sind.
Nicht zuletzt wird das Projekt einer repräsentativen Biographie Hofmannsthals die Forschung zum Historismus, zur Wiener Moderne, zu Hofmannsthals Verwandten und Freunden, den vielfältigen Beziehungen zu Dichtern wie George, Rilke, Schnitzler, Wassermann und anderen, seiner Zusammenarbeit mit Richard Strauss und Max Reinhardt, zur Theaterwelt überhaupt und zu zahllosen weiteren Aspekten sichten müssen, um schließlich dahin zu gelangen, eines jener „lebendigen Bücher“, wie der Dichter selbst die Menschen einmal genannt hat, „aufzublättern“ und darin – wie Felix Salten, ein Wegbegleiter von Jugendjahren an, prophezeit hat – „eine Dichtertragödie von unvergleichlicher Intensität“ zu enthüllen.
Abbildung: © Freies Deutsches Hochstift, Frankfurt/M.
Kontaktperson: Wilhelm Hemecker
Weitere MitarbeiterInnen:
Tobias Heinrich
Wolfgang Kreutzer
Caitríona Ní Dhúill (bis Juli 2009)