Biographie Thomas Bernhard

„Ich erfinde ja nichts, ich glaube, ich habe in meinen Büchern noch nie etwas erfunden, verändert – ja, erfunden – nein.“ Mit dieser Aussage weist der österreichische Autor Thomas Bernhard auf ein Phänomen hin, das in der Forschung zu seinem Leben und Werk stets besonders beachtet und diskutiert worden ist: Es gibt kaum einen anderen Autor aus der österreichischen Literatur der letzten Jahrzehnte, bei dem die Verbindung zwischen lebensgeschichtlichen und literarischen Elementen derart evident ist, wobei gleichzeitig das Moment der künstlerischen Stilisierung komplizierte Transformationsprozesse zwischen den beiden Bereichen erkennen lässt.


Abbildung aus dem Thomas Bernhard Jahrbuch 2004.
Hrsg. Huber, Martin; Mittermayer, Manfred;
Schmidt-Dengler, Wendelin; Vidulic, Svjetlan Lacko

Seit der Nachlass Bernhards durch die Errichtung eines Thomas-Bernhard-Archivs im Jahr 2001 einer wissenschaftlichen Aufarbeitung zugeführt wurde, ist die Grundlage für die seit 2003 laufende 22-bändige Werkausgabe im Suhrkamp Verlag, aber auch für eine erste umfassende biographische Darstellung gegeben. Im Bernhard-Archiv in der Villa Stonborough-Wittgenstein in Gmunden sind die umfangreichen Konvolute von Typoskripten, die Vorstufen und Endfassungen von Bernhards Werken enthalten, sowie eine große Zahl an privaten Dokumenten für die Forschung zugänglich; auch ein wesentlicher Teil der Korrespondenz, die sich ursprünglich im Privatarchiv der Familie befand, konnte übernommen werden, insbesondere die Verlags- und Theaterkorrespondenz. Ihre Bedeutung für die Erforschung der Textgenese und Werkchronologie, aber natürlich auch für die Interpretation seines Werks und die Biographie Bernhards kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Die von Martin Huber und Manfred Mittermayer konzipierte Ausstellung „Thomas Bernhard und seine Lebensmenschen. Der Nachlaß“, die 2001 in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien präsentiert und seither in mehreren Ländern mit viel Erfolg gezeigt wurde, widmete sich erstmals eingehend der für Bernhards Schreiben charakteristischen Verbindung zwischen der literarischen und der „realen“ Wirklichkeit. Bei aller Vorsicht, die bei der Rekonstruktion von Übertragungen realer Erlebnisse ins literarische Medium angebracht ist, bestätigte sich im Zuge der Recherchen eine grundsätzliche Erkenntnis: Es gibt unverkennbare Parallelen zwischen Konstellationen aus Bernhards Biographie und seinen Texten.

Die geplante Thomas-Bernhard-Biographie soll über die detaillierte Erforschung und Darstellung des überlieferten Datenmaterials zu neuen Erkenntnissen über sein gesamtes künstlerisches Erscheinungsbild gelangen. Dabei ist stets das Element der Selbstinszenierung, das Bernhards öffentliches Auftreten und seine Wirkung entscheidend mitbestimmt hat, in die Betrachtung mit einzubeziehen. Vor allem aber ergeben sich Reflexionen über die Verbindung zwischen Selbsterlebtem und literarisch Gestaltetem, über Möglichkeiten und Grenzen einer Parallelsetzung beider Bereiche: der Biographie und der Literatur; immerhin ist darauf hinzuweisen, dass Bernhard selbst eine umfangreiche Darstellung seiner »Biographie« (so er selbst über dieses künstlerische Unternehmen) in Form von fünf autobiographischen Romanen versucht hat, deren Ambivalenz zwischen Dichtung und Wahrheit die Forschung von Beginn an festgestellt hat.
 

Kontaktperson: Manfred Mittermayer