Geschichte der Biographie

Diese Programmlinie befasst sich mit der Geschichte vor allem der modernen Biographik, wie sie – mit Vorläufern in der Renaissance – um die Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert in England aufkommt. Bedeutende paradigmenbildende Biographien werden hinsichtlich ihres historischen Status und ihrer Methodik systematisch untersucht. Dabei finden vor allem hermeneutische, ideologiekritische und narratologische Interpretationsverfahren Anwendung.

Die Spannungen zwischen Vorbildlichkeit und Einzigartigkeit, zwischen Individuellem und Repräsentativem werden zunächst an Drydens Übersetzung der Plutarchschen Bioi paralleloi untersucht. Besonders wichtig für die Entwicklung der englischsprachigen Biographik im 18. Jahrhundert ist das biographische Schaffen von und um Samuel Johnson, dessen Rolle als Biograph sowie als Biographierter reflektiert wird. Außerdem werden die Bedeutung von Thomas Carlyles Auffassung der Geschichte als ‚Biographie großer Männer’ und ihre Rezeption im deutschen Sprachraum nachgezeichnet.

Mit Blick auf den deutschen Sprachraum beginnen die Forschungen des Instituts bei Herders gattungstheoretischen Überlegungen. Nach Goethes idealistisch kulturgeschichtlicher Winckelmann-Studie werden zwei Wege, auf denen die Biographik im 19. Jahrhundert fortschreitet, genauer verfolgt: der politische der preußischen Historikerschule – exemplarisch betrachtet an Heinrich von Treitschkes mannigfachen biographischen Arbeiten – und der geistesgeschichtliche mit Rudolf Haym, Herman Grimm, Wilhelm Dilthey und Carl Justi als Hauptvertretern.

Die morphologische Methode der – als Reaktion auf den Positivismus des 19. Jahrhunderts zu verstehenden – mythographischen Biographien aus dem Kreis um Stefan George wird exemplarisch an Werken von Ernst Bertram und Friedrich Gundolf kritisch untersucht, ebenso die Methodik psychoanalytischer biographischer Arbeiten Freuds und einiger seiner Schüler. Als Kontrapunkt hierzu werden zeitgenössische Tendenzen in der englischsprachigen Biographik, wie etwa Lytton Stracheys Kritik am viktorianischen Selbstverständnis, behandelt.

Bildungssoziologisch in Betracht genommen werden die nach dem Ersten Weltkrieg aufkommenden belletristischen (Populär-)Biographien mit narrativen und psychologischen Strategien, wie sie in deutscher Sprache von Emil Ludwig und Stefan Zweig sowie später von Richard Friedenthal virtuos gehandhabt wurden. Der Weg von der Individual- zur Sozial- und Epochenbiographie, in der die Betrachtung des Individuums neben die Darstellung sozialer Verhältnisse tritt, wird an Werken von Hermann Broch, Walter Benjamin und Siegfried Kracauer verfolgt.

Eingehende Analysen narrativer Techniken widmen sich literarischen Biographien von Peter Härtling und Wolfgang Hildesheimer, wobei der Übergang von Faktographie in Literatur, von Wissenschaft in Kunst besonders reflexionsbedürftig ist. Sorgfältig methodologisch reflektiert wird schließlich die Ausweitung und Kritik des biographischen Blicks durch den New Historicism, sein Interesse für dialektische Beziehungen zwischen literarischen Texten und kulturellen Praktiken, Institutionen, Codes und Diskursen, sowie an Machtstrukturen und Unterdrücktem.

Eine Vortragsreihe zum Thema „Biographie und Religion“ wird sich darüber hinaus einer Frage von großer politischer Relevanz und Aktualität widmen: Welche Funktion haben Lebensmodelle von Religionsgründern und charismatischen religiösen Figuren für das Selbstverständnis von Weltreligionen?

 

Kontaktperson: Wilhelm Hemecker

Weitere MitarbeiterInnen:

Tobias Heinrich
Wolfgang Kreutzer
Caitríona Ní Dhúill (bis Juli 2009)