Als Genre zwischen Wissenschaft, Kunst und Unterhaltung entzieht sich die Biographie eindeutiger Zuordnung zu akademischen Disziplinen. Sie ist, mit einem Diktum Virginia Woolfs, „a bastard, an impure art“. Die Biographie steht an einer Schnittstelle zwischen Literatur-, Geschichts- und Kulturwissenschaften sowie literarischen Lebenserzählungen; und auch in der soziologischen und ethnographischen Biographieforschung geht es um die zentrale Frage, wie sich das Ganze individueller Lebensläufe und Erfahrungsmuster zu biographischen Repräsentationen verdichtet. Die Theorie der Biographie steht zwischen den Ansprüchen auf Wahrheit und biographische Evidenz und Auffassungen, die sie nur als ideologisches oder ästhetisches Konstrukt beschreiben.
„Sometimes when we think we are rediscovering the mighty dead, we are just
inventing imaginary playmates.“ (Richard Rorty)

Die theoretischen Implikationen der Biographie machen sie zu einem idealen Forschungsobjekt, in dem sich zentrale Fragen der gegenwärtigen Kulturwissenschaften bündeln: Theorie des Archivs und Quellenkritik; Erinnerungsdiskurse und Phänomene des Nachlebens; Genderforschung; Psychoanalyse; Ethnographie und interkulturelle Kommunikation; soziologische Biographieforschung; mediale Repräsentation (Malerei, Film, Photographie). Ziel ist es, die internationale Debatte aufzugreifen und die Erkenntnisse und Methoden verschiedener Disziplinen stärker als bisher zusammenzuführen. Zudem dienen die theoretischen Überlegungen bei der konkreten biographischen Arbeit des Instituts als Anregung und Korrektiv.
Zu den Themen und Fragen, die untersucht werden, gehören u.a.:
• biographische Wahrheit zwischen Fakten und Fiktionen
• Biographie und Konstitution von Identität
• Biographie als Rollenmodell in moralischer und politischer Perspektive
• Biographie als Lebenserzählung – Erzählmuster und Formen der
Literarisierung
• Status von Quellen und Archiven
• Biographie in gendertheoretischer Perspektive
• postmoderne Kritik an den Voraussetzungen der Biographie
• Biographie an der Bruchlinie zwischen Privatheit und Öffentlichkeit
• Bedeutung der Biographie für das kollektive Gedächtnis
• Biographie als Medium kultureller Transfers.
Kontaktpersonen:
Esther Marian
Manfred Mittermayer
Hannes Schweiger
Bernhard Fetz (bis Mai 2009)